Von Andrea Prölß | 05.11.2009 | Netzcode: 2068803 | "der neue tag"
Regensburg

Sex, Crime und Frauen mit Kartoffelnamen

Die fabelhafte Opern-Kabarettistin Katharina Herb präsentiert ihr neues Programm in Regensburg

"Ist das logisch?!". Nein, nichts ist logisch in der Welt der Oper. In einer Welt, in der Sterbende singen, Mütter ohne erkennbaren Alkoholeinfluss ihre Kinder verwechseln und "Brust bepanzerte Frauen mit Kartoffelnamen" mit einem "Wagalaweia" die Umgebung aufmischen - was letztendlich nichts anderes als ein in Stabreim gefasstes "Hallöchen!" bedeutet.

Wer die Kabarettprogramme von Katharina Herb kennt, weiß darum. Am Dienstagabend hat die Sängerin und Kabarettistin, die vor sechs Jahren mit dem Opern-Kabarett ein völlig neues, spannendes Genre auf die Bühne brachte, im Regensburger Statt-Theater ihr brandneues, viertes Programm vorgestellt. "400 Jahre Sex in der Oper" lautet der vielversprechende, reißerische Titel. Vielleicht eine Spur zu reißerisch.

Sexy ist sie ja, die Protagonistin auf der Bühne, in maßgeschneiderter, langer Robe, mit von Haus aus erotischer Mezzo-Stimme. Von Sex and Crime leben seit 400 Jahren die Opernlibretti. Doch inhaltlich führt sie im Wesentlichen das fort, was ihre drei Vorgängerprogramme so erfolgreich machte: Die Dekonstruktion unlogischer Handlungen, unsinniger Regieanweisungen und andere Ungereimtheiten aus der wundersamen Welt der Oper.
Diva ohne Fehl und Tadel
Und das macht sie auch in ihrem neuen Programm, in dem sie sich auf Bizets "Carmen", Verdis "Troubadour" und einem Schnelldurchlauf durch Wagners "Ring" konzentriert, richtig gut. Trotz Premierenfieber und dazu gehöriger Pannen, trotz Erkältung. Schnell ist sie mit dem Publikum per Du, bestimmt den Herrn in der ersten Reihe zu ihrer männlichen Souffleuse, den Herrn in der zweiten Reihe zum männlichen Schleppenträger und lässt sich - ein in der Tat erotisches Opening - von ihrer männlichen Garderobiere auf offener Bühne das Mieder schnüren. Ganz Diva holt sie sich keine weibliche Konkurrenz auf die Bühne. Grandezza vom Scheitel bis zur Sohle ihrer High-Heels. Doch hinter dieser Fassade lugt immer wieder eine herrlich komische, liebenswürdige Komödiantin hervor, die sich und ihr Metier gekonnt auf den Arm nimmt. Spitzzüngig enttarnt sie Carmen als "promiskuitive, schlaue Schlampe", den "gemeinen Opernboten" als rettenden Engel aller Librettisten und stellt sich und dem Publikum die Frage, warum Verdis Leonora nach einem Gifttrank imstande ist, drei "höllisch schwere Arien" zu singen.
Bonbon in der Backe
Zum Thema "höllisch schwere Arien" - die sang Katharina Herb am Premierenabend trotz Hustenanfällen und angeschlagener Stimme tadellos. Eine nach der anderen. Sopran- wie Tenorpartien. Nach dem Motto "no risk, no fun" stürzte sie sich, das Hustenbonbon in der Backentasche, auf Spitzentöne im dreigestrichenen Bereich und freute sich diebisch, wenn diese astrein saßen. Viel Beifall für die sympathische Künstlerin.