Wer heutzutage den ehrwürdigen Beruf der Musikkabarettistin ergreifen möchte …

… sollte gut gerüstet sein. Nicht nur solch marginale Künste, wie Beherrschen eines Instruments, oder einigermaßen musikalisches Singen, müssen gelernt sein. Ausnehmend hilfreich ist, wenn man auf dem Hinweg noch über ein wenig BWL gestolpert ist, denn Verträge unterschreiben kann fatal sein, von der Steuererklärung ganz zu schweigen. Ungünstigerweise darf man auch nicht die kommunikations-wissenschaftliche Seite außer Acht lassen, denn wer sonst soll über CI, Werbung, Plakatfoto, -entwurf und -druck nachdenken? Wenn nebenbei auch noch ein oder besser mehrere Kurse in der digitalen Musikproduktion absolviert wurden, erübrigt sich wenigstens die Frage, wo zum Teufel denn noch mal ein Orchester-Playback von Granada herkommen könnte. Wie gut auch, dass vor Jahren modern war, Pumphosen selber zu nähen, was wiederum heute die exorbitanten Preise der Kostümdesigner erspart. Nicht, dass es nicht auch günstigere ausländische MitbürgerInnen gäbe, die das Schneiderhandwerk beherrschen, aber wie erklärt man diesen braven Menschen, dass man ausgerechnet ein gut sitzendes Gummipuppenkostüm braucht? Und damit in den modernen Zeiten die Wege kurz und einfach gehalten werden, sollte auch im Voraus schon über das Erlernen von HTML nachgedacht werden. Kein Künstler mehr ohne eigene Webside! Wer jetzt noch über Veranstaltungstechnik, Licht und Ton, Bescheid weiß, kann sich zumindest vorher wehren, wenn wieder einmal ein Hausmeister behauptet, dass das jahrelang erprobte MKE 2000 Gold Headset von Sennheiser, gänzlich ungeeignet wäre. Wobei leider alle Diskussionen nichts bringen, wenn er bei der Vorstellung einfach das Mikrofon nicht anschaltet…
Absolute Grundvoraussetzung ist und bleibt aber eine robuste Psyche. Nirgendwo sonst wird man so häufig auf unbeheizte Garderoben ohne Sitzgelegenheit, Spiegel und Toilette treffen. Und es ist schlichtweg obsolet sich aufzuregen, wenn man gerade oben oder unten Ohne von einem Kellner überrascht wird, der den Chardonay aus der Kühlung holen soll. Wehe dem, der anfällig für Erkältungen ist.

Na, noch Lust? Dann auf in den Kampf! Es gibt ein unschlagbares Argument für diesen Beruf: Wenn nach der Vorstellung ein glücklicher Punker sagt, er wolle jetzt unbedingt einmal in die Oper…

 

... was bisher geschah:

Ich wurde Sängerin, weil ich keine Lust zum Üben hatte. Meine Mutter wollte immer Mutter einer zweiten Anne Sophie Mutter werden, aber ich kam einfach nicht über das Stadium einer halben Stunde Üben am Tag hinaus. Keine gute Vorraussetzung um weltberühmte Geigerin zu werden. Aber wer will schon weltberühmt werden?

Danach hatte ich echte Schwierigkeiten bei der Berufswahl. Vielleicht doch wenigstens Mutter Theresa mit einem Soz.Päd-Studium? Zu egoistisch.
Malerin? Weil mal ein Kunstlehrer in mich verliebt war, und mich unbedingt zum Aktzeichnen mitnehmen wollte? Eine banale Zwei im Zeugnis rückte Schwerpunkte zurecht. Mit Lehm hab ich auch immer gerne rumgesaut, aber nach einem Besuch bei einem Steinmetz, wollte ich dann doch keine Bildhauerin werden. Immer nur Grabsteine. Ne!
Was blieb? Bei Papi ins Architekturbüro! Da kann man erstmal nicht so viel falsch machen, denn da ist dann ja auch gleich die Zukunft gesichert. Architekturstudium an der renommierten Karlsruhe Hochschule. Mit Abschluss! Jawohl. Nennt mich gerne Frau Dipl. Ing.!

Doch … ich scheiterte. Meine urbanen Visionen kollidierten mit dem Versuch dummen, aber reichen Bauherren das Krüppelwalmdach auszureden. Wann ist man gut? Wenn man aus Idealismus keine Aufträge annimmt?

Dann ganz kurz vor ganz knapp, zack, Gesangsunterricht intensiviert. Jetzt aber ganz ernst. Mit Gehörbildung und all dem Scheiß. Lapidarstunden hatte ich schon seit ich 17 war. Damals war ich in Holland, auf dem Flevo-Festival und beschloss Rocksängerin zu werden. Im Nachhinein weiß ich, dass mich daran am meisten die Vorstellung beeindruckt hat, ungestraft schreien zu dürfen. „Wir lagen vor Madagaskar“ konnte ich schon! Drei Akkorde auf der Gitarre. Ich fand mich gut.
Zu hören bekam ich in diesen Zeiten oft: was für ein schönes StimmCHEN! Na wartet! Meine stolze Mutter hatte mir bis dahin jedes Instrument ermöglicht. Sogar Panflöte. Warum also nicht eine dörfliche Musikschule gründen, damit die Tochter Gesangsunterricht kriegt? Leider gab’s im ganzen kurpfälzischen Umfeld keine Rocksängerin, also bekam ich Opernunterricht. Hm!? Immer wieder hatte ich gehofft, dass nach den „Mimimis“ dann was Gescheites kommt. Kam nicht. Also 7 Jahre Architektur. Singen in der Zeit … halbherzig.

Während dessen, Konkurrenzkampf mit einer Freundin, die alles besser konnte. Ich musste natürlich mithalten und neben allen ausgeflippten Kunst-Aktionen auch noch ihre Gesangslehrerin kennen lernen. Die war zwar schlecht, aber mit zunehmendem Alter hatte sich mein klassischer Horizont erweitert. Ich war heiß auf die lauten hohen Töne. Aus Spass sang ich ihr damals die Königin der Nacht vor. Einfach so. Keiner wollte mir glauben, dass ich das kann. Ich lief unter der Rubrik Mezzosopran. Die kommen nicht so hoch. Was nicht sein kann, das nicht sein darf. Erste Kontakte zu den rigorosen Schubladen in der Opernwelt.

Schon leicht irritiert, aber mit dem festen Vorsatz richtig gut zu werden, gings ab da los. Ich pendelte von Lehrer zu Lehrer. Hatte Gute und Schlechte. Für meine Verhältnisse übte ich auch. Konsequent eine Stunde am Tag.

Kleiner Exkurs am Rande. Damals habe ich herausgefunden, dass man auch mit dem Hirn üben kann. Das ist weit weniger anstrengend und erholsam für die Nachbarn. Also verbrachte ich endlose Stunden im Zug zu den diversen Lehrern und dachte dabei nach. Angekommen bin ich oft mit ganz neuen Tönen. Ich galt als extrem schnelle Schülerin. Musste ich auch sein, denn wenn man mit Mitte Zwanzig beschließt, tatsächlich an die Oper zu gehen, muss man sich beeilen. Und gut sein. Eigentlich ein Ausnahmetalent sein. Oder sehr naiv sein. Ich war wohl von Allem ein bisschen.

Je besser ich wurde, desto namhaftere Lehrer interessierten sich für mich. Einer der berühmtesten, (Namen sollte ich aus eigenem Interesse nicht nennen) interessierte sich ganz besonders für mich. Dieser kleine, alte, hässliche Gnom, glaubte tatsächlich, dass ich ihn sexuell attraktiv finden könnte, und steckte mir bei der Stimmsitz-Erklärung seine Zunge in den Hals.

Ein echter Höhepunkt aber für mich, war dann Tel Aviv. Dorthin wurde ich eingeladen, um bei Tamar Rachum an der Rubin Academy of Music zu studieren. Ich wurschtelte mich durch ein Jahr hebräische Schriftzeichen durch, sang was das Zeug hielt, und brachte es zu einem viel beachteten Abschlusskonzert. Soweit so gut.

Immer noch nicht wissend, ob ich nun echter Mezzo-, oder doch Sopran, oder vielleicht doch was ganz anders sei, kam ich zurück nach Deutschland. Was will man mehr: kaum einen Monat später wurde ich als Dorabella in eine private Hamburger Oper engagiert. Man staune, als Dorabella! Das ist nun keine kleine Rolle für ein Debüt. Ich war Einspringerin und musste alle Noten in zwei Wochen schaffen. Schwer im Stress brachte ich die Premiere hinter mich, nur um festzustellen, dass das ja wohl nicht alles gewesen sein konnte. Ich fand die Rolle der Dorabella bescheuert. Immer nur Knutschen und Männer anhimmeln. Die Partie frauenfreundlich zu inszenieren, wäre noch nicht mal Alice Schwarzer gelungen. Es folgten weitere Rollen. Wieder mit Knutschen.

Und schon alleine deshalb fing ich nebenbei an, mein eigenes Programm zu machen, denn da konnte ich mir aussuchen, wen ich knutschen wollte…

© 2009 Katharina Herb

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